Michis großer Traum: Ein Tag im Cockpit
Es war ein sonniger Samstagmorgen, als Michi aufgeregt aus dem Bett sprang.
„Heute ist es endlich so weit!“
Seine Freundin Lina klopfte schon an der Haustür.
„Bist du bereit, Pilot Michi?“
„Und wie!“
Heute würden die beiden den größten Traum von Michi erleben. Sie durften einen echten Piloten treffen und ein großes Passagierflugzeug von innen besichtigen.
Schon auf der Fahrt zum Flughafen konnte Michi kaum still sitzen.
„Wie viele Flugzeuge werden wir heute sehen?“
„Bestimmt über hundert“, sagte Lina lächelnd.
„Und vielleicht darfst du sogar einmal im Cockpit sitzen.“
Michi bekam große Augen.
„Echt?“
„Wenn der Pilot es erlaubt.“
Am Flughafen wartete bereits Kapitän Schneider auf sie.
Er trug eine blaue Uniform mit goldenen Streifen auf den Schultern.
„Willkommen, ihr zwei!“
„Hallo!“, sagte Michi ganz aufgeregt.
„Ich heiße Michi und ich liebe Flugzeuge!“
Der Pilot lachte.
„Das habe ich schon gehört.“
Gemeinsam gingen sie über das Vorfeld.
Dabei erklärte Kapitän Schneider alles ganz genau.
„Vor jedem Flug prüfen wir das Flugzeug sehr sorgfältig.“
„Was kontrollieren Sie?“, fragte Michi.
„Fast alles. Die Reifen, die Bremsen, die Tragflächen, die Triebwerke, den Treibstoff und natürlich alle Instrumente.“
„Das dauert bestimmt lange.“
„Ja. Sicherheit ist das Wichtigste beim Fliegen.“
Michi nickte.
„Das gefällt mir.“
An der großen Passagiermaschine angekommen staunte er.
„Die ist riesig!“
„Heute fliegen damit fast dreihundert Menschen.“
„Unglaublich.“
Über eine Treppe durften sie in das Flugzeug steigen.
Drinnen war alles sauber und ordentlich.
„Hier sitzen später die Passagiere.“
„Ganz schön viele Reihen.“
„Ja.“
Anschließend öffnete der Pilot die Cockpittür.
„Kommt herein.“
Michi blieb sprachlos stehen.
Überall leuchteten Bildschirme.
Hunderte Knöpfe.
Hebel.
Schalter.
Anzeigen.
„Das sieht ja aus wie ein Raumschiff!“
Der Pilot musste lachen.
„Ein bisschen schon.“
„Darf ich mich einmal auf den Pilotensitz setzen?“
„Natürlich.“
Ganz vorsichtig setzte sich Michi auf den Sitz.
„Wow.“
Er hielt das Steuerhorn fest.
„Ich kann kaum glauben, dass ich hier sitze.“
Kapitän Schneider erklärte ihm die wichtigsten Instrumente.
„Hier sehen wir die Geschwindigkeit.“
„Hier die Flughöhe.“
„Hier den künstlichen Horizont.“
Lina hörte aufmerksam zu und machte sich Notizen.
„Warum gibt es eigentlich zwei Steuerhörner?“
„Weil immer zwei Piloten zusammen fliegen.“
„So wie wir zwei“, sagte Michi und grinste Lina an.
„Ganz genau.“
Plötzlich fragte Michi:
„Darf ich Ihnen etwas erzählen?“
„Natürlich.“
„Ich habe ADHS.“
Der Pilot nickte freundlich.
„Das ist überhaupt nichts Schlimmes.“
„Manchmal ist mein Kopf wie ein Flughafen.“
„Das ist ein schöner Vergleich.“
„Dann starten ganz viele Gedanken gleichzeitig.“
Der Pilot lächelte.
„Weißt du was? Auch wir Piloten arbeiten mit Checklisten. Nicht weil wir etwas nicht können, sondern weil gute Vorbereitung wichtig ist.“
Michi freute sich.
„Dann mache ich das ja genau richtig.“
„Ganz genau.“
Nach der Cockpitbesichtigung durfte Michi noch beim Beladen des Flugzeugs zuschauen.
Große Fahrzeuge brachten Koffer.
Tankwagen füllten Treibstoff nach.
Ein Cateringfahrzeug lieferte Essen.
„Ganz schön viele Menschen arbeiten an einem einzigen Flug.“
„Ja“, sagte der Pilot.
„Ohne Teamarbeit könnte kein Flugzeug starten.“
Diese Worte gefielen Michi besonders.
Er dachte an seine Eltern.
An Lina.
An seine Lehrer.
Alle halfen ihm manchmal.
Und das war völlig in Ordnung.
Am Nachmittag besuchten sie noch einmal den Flugsimulator.
Diesmal durfte Michi selbst starten.
Er erinnerte sich an alles, was er gelernt hatte.
Ruhe bewahren.
Nicht hetzen.
Eine Aufgabe nach der anderen.
Langsam schob er den Schubhebel nach vorne.
Das Flugzeug beschleunigte.
„80 Knoten.“
„V1.“
„Rotate.“
Ganz vorsichtig zog Michi das Steuerhorn.
Das Flugzeug hob ab.
„Geschafft!“
Er flog einige Minuten über eine virtuelle Landschaft.
Dann kam die Landung.
„Ganz ruhig“, sagte der Fluglehrer.
„Nicht zu schnell.“
Michi konzentrierte sich.
Er atmete tief durch.
Das Flugzeug setzte ganz sanft auf.
„Perfekt!“, sagte der Fluglehrer.
Michi konnte sein Glück kaum fassen.
„Ich habe es geschafft!“
„Darauf kannst du stolz sein.“
Später verabschiedeten sie sich vom Piloten.
„Vielen Dank für diesen wunderschönen Tag.“
„Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder.“
„Bestimmt“, sagte Michi.
„Vielleicht bin ich dann selbst Pilot.“
Der Kapitän lächelte.
„Ich würde mich freuen.“
Auf dem Heimweg war Michi ungewöhnlich ruhig.
„Woran denkst du?“, fragte Lina.
„Früher dachte ich, wegen meinem ADHS könnte ich manche Dinge vielleicht nie schaffen.“
„Und heute?“
„Heute weiß ich, dass ich vieles lernen kann.“
„Genau.“
„Vielleicht brauche ich manchmal etwas mehr Zeit.“
„Oder Pausen.“
„Oder eine Checkliste.“
„Aber Träume darf ich trotzdem haben.“
Lina nickte.
„Jeder Mensch hat Stärken. Deine Neugier ist eine davon.“
Zu Hause angekommen stellte Michi alle seine Modellflugzeuge nebeneinander.
New York.
Brüssel.
Der große Flughafen.
Und das Cockpit.
Jedes erinnerte ihn an ein Abenteuer.
Am Abend klopfte es wie immer leise an seiner Zimmertür.
„Herein!“
Lina kam mit einem Tablett herein.
„Die letzte Piloten-Snacklieferung.“
Darauf lagen Käsewürfel, Weintrauben, Apfelspalten, Cracker und zwei kleine Schokomuffins.
„Du wirst wohl niemals aufhören, Kühlschränke zu plündern“, sagte Michi lachend.
„Nur für meinen Lieblingspiloten.“
Gemeinsam schauten sie sich die Fotos aller fünf Reisen an.
„Weißt du, was ich gelernt habe?“, fragte Michi.
„Erzähl.“
„Dass ADHS mich nicht aufhält. Es bedeutet nur, dass mein Gehirn manchmal anders arbeitet.“
„Genau.“
„Mit Freunden, meiner Familie, Pausen, Bewegung und meinen Checklisten kann ich fast alles schaffen.“
Lina lächelte.
„Und das Wichtigste?“
Michi schaute zu seinem Modellflugzeug auf dem Nachttisch.
„Man sollte niemals aufhören zu träumen.“
Draußen flog gerade ein großes Passagierflugzeug über den Abendhimmel.
Michi winkte ihm nach.
„Eines Tages“, flüsterte er.
„Vielleicht sitze ich dort vorne im Cockpit.“
Mit diesem Gedanken schlief er glücklich ein.
Ende der ersten Abenteuer von Michi und Lina – doch ihre Reisen um die Welt haben gerade erst begonnen.