Michi fliegt nach New York: Eine Flugzeuggeschichte
Michi war neun Jahre alt und liebte Flugzeuge über alles. Schon morgens, wenn die ersten Flugzeuge hoch über seinem Haus vorbeiflogen, lief er zum Fenster und winkte ihnen zu.
„Irgendwann fliege ich überall hin! Nach New York, nach Brüssel und in ganz viele andere Länder!“, sagte er jeden Tag.
Michi hatte ADHS. Seine Eltern erklärten es ihm so:
„Dein Gehirn ist wie ein Flughafen. Dort starten und landen ganz viele Gedanken gleichzeitig. Das macht dich neugierig, kreativ und voller Ideen. Manchmal wird es aber auch etwas zu laut und zu hektisch. Dann helfen dir Pausen, Bewegung und kleine Pläne.“
Michi fand diesen Vergleich toll. Er stellte sich vor, dass in seinem Kopf ständig kleine Flugzeuge unterwegs waren.
Seine beste Freundin Lina wohnte gleich nebenan. Sie war genauso begeistert von Flugzeugen wie Michi. Außerdem kannte sie sich mit Städten, Ländern und Flughäfen richtig gut aus.
Fast jeden Nachmittag klingelte sie an der Tür.
„Na, Pilot Michi, wohin fliegen wir heute?“
„Nach New York!“, antwortete Michi sofort.
„Dann müssen wir erst planen. Gute Piloten planen immer.“
Sie breiteten eine große Weltkarte auf dem Wohnzimmerboden aus.
„Hier ist Deutschland“, erklärte Lina.
„Und hier?“
„Das ist der Atlantische Ozean.“
„Der ist riesig!“
„Ja. Deshalb dauert der Flug nach New York ungefähr acht bis neun Stunden.“
Michi staunte.
„So lange? Dann brauche ich ganz viele Beschäftigungen.“
„Genau deshalb packen wir unseren Flugrucksack.“
Gemeinsam schrieben sie eine Liste:
- Kopfhörer
- Malbuch
- Buntstifte
- Trinkflasche
- Lieblingsbuch
- Knetball
- Kleine Snacks
„Warum der Knetball?“, fragte Michi.
„Viele Kinder mit ADHS mögen es, wenn ihre Hände etwas zu tun haben. Dann fällt das Sitzen leichter.“
Michi nickte.
„Das probiere ich aus.“
Am nächsten Morgen fuhren sie mit dem Bus zum Flughafen. Schon von Weitem sah Michi die riesigen Flugzeuge.
„Wow! Schau mal, Lina! Eine große Passagiermaschine!“
„Die kann über 300 Menschen transportieren.“
„So viele?“
„Ja. Und manche sogar noch mehr.“
Im Terminal war unglaublich viel los.
Menschen schoben Koffer.
Kinder lachten.
Durchsagen erklangen.
Rolltreppen fuhren auf und ab.
Für Michi war das ganz schön viel.
Er hielt sich kurz die Ohren zu.
„Ist alles okay?“, fragte Lina.
„Mein Kopf ist gerade ziemlich voll.“
Lina nickte verständnisvoll.
„Dann machen wir den Pilotentrick.“
„Welchen?“
„Wir konzentrieren uns immer nur auf den nächsten Schritt.“
Sie zeigte auf die Anzeigetafel.
„Schritt eins: Wir suchen unser Gate.“
Michi schaute nach oben.
„Gefunden! Gate A12.“
„Super. Jetzt Schritt zwei.“
„Dorthin laufen.“
„Genau.“
So gingen sie Schritt für Schritt weiter.
Als sie endlich im Flugzeug saßen, durfte Michi am Fenster sitzen.
„Juhu!“
Er beobachtete die Flugzeugflügel.
„Warum bewegen die sich ein bisschen?“
Lina erklärte:
„Die Flügel sind nicht ganz starr. Sie können sich leicht biegen. Das hilft dem Flugzeug, Wind und Turbulenzen besser auszugleichen.“
„Das wusste ich gar nicht.“
„Piloten und Ingenieure überlegen sich ganz viele Dinge, damit Fliegen sicher ist.“
Kurz darauf kam die Sicherheitsansage.
Alle mussten sich anschnallen.
„Warum?“, fragte Michi.
„Falls das Flugzeug beim Start etwas wackelt.“
Die Triebwerke wurden immer lauter.
Langsam rollte das Flugzeug zur Startbahn.
„Jetzt geht’s los!“, rief Michi.
Immer schneller wurde das Flugzeug.
Dann hob es ab.
Michi spürte, wie er leicht in den Sitz gedrückt wurde.
Unter ihnen wurden Häuser immer kleiner.
Autos sahen plötzlich aus wie Spielzeug.
„Wir fliegen!“, rief Michi begeistert.
Über den Wolken war der Himmel strahlend blau.
„Von hier oben sieht alles friedlich aus.“
„Ja“, sagte Lina.
„Deshalb liebe ich das Fliegen.“
Nach etwa einer Stunde wurde Michi etwas unruhig.
Still sitzen war nicht gerade seine Stärke.
Er wackelte mit den Beinen.
Er spielte mit den Händen.
Er schaute ständig aus dem Fenster.
„Ich glaube, mein ADHS möchte gerade herumrennen“, sagte er.
Lina lächelte.
„Dann machen wir unsere Flugpause.“
Sie holte den kleinen Knetball hervor.
„Erst zehnmal drücken.“
Michi machte mit.
„Jetzt etwas trinken.“
Auch das half.
„Jetzt malen wir unser Traumflugzeug.“
Michi zeichnete ein riesiges Flugzeug mit einem Spielzimmer, einer Bibliothek, einer Rutsche und einem kleinen Kino.
„Das wäre das beste Flugzeug der Welt!“
Lina musste lachen.
„Da würden bestimmt alle Kinder mitfliegen wollen.“
Während des Fluges erklärte sie ihm viele spannende Dinge.
„Weißt du eigentlich, warum Flugzeuge meistens weiß sind?“
„Nein.“
„Weiße Farbe reflektiert das Sonnenlicht besser. Dadurch wird das Flugzeug nicht so heiß. Außerdem erkennt man kleine Schäden leichter.“
„Cool!“
Später erklärte sie noch, wie Piloten den Wetterbericht lesen und warum Flugzeuge manchmal kleine Umwege fliegen.
Michi hörte aufmerksam zu.
Wenn ihn etwas interessierte, konnte er sich erstaunlich gut konzentrieren.
Das war bei vielen Kindern mit ADHS so.
Endlich erschien auf dem Bildschirm die Landkarte.
„Schau! Wir sind fast da!“
Kurze Zeit später konnte Michi aus dem Fenster riesige Hochhäuser erkennen.
„Ist das New York?“
„Ja.“
„Das ist viel größer, als ich gedacht habe!“
Dann sah er eine kleine grüne Insel.
„Da! Die Freiheitsstatue!“
„Ganz genau.“
Das Flugzeug landete sanft.
„Willkommen in New York“, sagte der Pilot.
Michi strahlte über das ganze Gesicht.
Nachdem sie ihre Koffer abgeholt hatten, fuhren sie mit einem gelben Taxi in die Stadt.
Überall standen riesige Wolkenkratzer.
Leuchtreklamen blinkten.
Menschen aus vielen Ländern liefen über die Straßen.
„Hier ist wirklich alles größer“, staunte Michi.
Sie besuchten den Central Park, beobachteten Eichhörnchen und machten viele Fotos.
Am Abend kamen sie müde ins Hotel.
Wie immer klopfte Lina leise an Michis Zimmertür.
„Pssst …“
„Was ist denn?“
„Operation Kühlschrank.“
Sie öffnete vorsichtig den kleinen Hotelkühlschrank.
Darin lagen Joghurt, Käsewürfel, Weintrauben und kleine Sandwiches.
„Für unseren hungrigen Piloten.“
Michi musste lachen.
„Du rettest mich jeden Abend.“
Gemeinsam aßen sie ihre Snacks und erzählten sich die schönsten Momente des Tages.
„Was war heute dein Lieblingsmoment?“, fragte Lina.
Michi musste nicht lange überlegen.
„Der Start.“
„Nur der?“
„Und die Wolken.“
„Sonst nichts?“
„Doch … eigentlich alles.“
Lina lächelte.
„Morgen erkunden wir New York.“
Michi legte sich zufrieden ins Bett.
Neben ihm lag sein kleines Modellflugzeug.
Er schaute noch einmal aus dem Hotelfenster auf die vielen Lichter der Stadt.
„Das war der schönste Flug meines Lebens“, flüsterte er.
Mit diesem Gedanken schlief Michi ein und träumte schon vom nächsten Abenteuer.